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  • wburgmer01

Security gestern, heute, morgen




New York City. 50th Avenue. Magnolia Bakery, unter verzweifelten Hausfrauen bestens bekannt.


Ich bin verabredet mit Freunden des nicht minder berühmten New York Police Department oder auch NYPD. Die aber sind verspätet. Es regnet in Strömen in New York City. Nichts geht mehr, jedenfalls nicht oberirdisch.


Ein einsamer Koffer steht unbeachtet unter einer Sitzbank in der Ecke der Bakery. Nichts Besonderes, der Besitzer oder die Besitzerin wird in der Schlange zu Kuchen, Törtchen stehen. Schlange stehen, das können die New Yorker, ebenso wie Faire la Queue in Paris.

Aber dann wird die Schlange kürzer und Neuankömmlinge gibt es nicht, denn es regnet in Strömen.


Man speist, man schmaust, man genießt Kaffee. Nur verdammt noch mal nicht der Besitzer des Koffers. Der steht immer noch unbeachtet – jetzt schon 30 Minuten unter der Bank, direkt neben mir.


Und das in der Hochphase terroristischer Attacken und Bedrohungen in den USA, aber auch im „alten Europa“, wie es ein Verteidigungsminister einmal zu nennen beliebte.

Und dann sind sie da, Freunde und Ex-Kollegen vom New York Police Department. Es regnet immer noch den berüchtigten New Yorker Platzregen. Dann zwei Streifenwagen des NYPD Joe, Dave und 2 weitere Kollegen parken direkt, da, wo sonst kein New Yorker sich trauen würde zu parken.


Eigentlich hatte wir uns ja zu den unnachahmlichen, köstlich süß-fettigen Cookies verabredet, was jetzt etwas in den Hintergrund trat. Ich mache es kurz: Joe fragt einfach laut in die Runde, wem denn What´s the hell belongs that fucking suitcase. Dann ein Tritt dagegen und die etwas herausragenden Elektroschnüren entpuppten sich schnell als zu einer hochwertigen Kameraausrüstung gehörend. Kein Sprengsatz

Fall erledigt. New York City – New York im Jahre 2015.


Warum erzähle ich das?


Transponieren wir das Ereignis nach Old Germany, Bahnhofvorplatz Dom zu Köln am Rhein.


Nichts ist verdächtiger und von der Bundespolizei – das war früher einmal die von Verfassungs wegen unproblematische [1] Bahnpolizei – gefürchteter als der ominöse Koffer, Rucksack oder ähnliches Behältnis ohne dazu gehörige Person.

Nach 10 Minuten ist noch alles ok. Die Kreise aber werden immer enger. Wie ein Rudel Haie werden die Observanten, uniformiert oder in Zivil immer mehr. Und immer geschäftiger. Nach 15 bis 20 Minuten dann die bange Anfrage an die Leitstelle: Roter Knopf oder nicht. Verdacht eines USBV, einer unbekannten Spreng- oder Brandvorrichtung, vulgo: Bombe.


Und dann ein Procedere, das seinesgleichen – auch in New York eben – sucht.

Einsatzstab wird gebildet, Polizei- und Abschnittsführer ernannt. Meldung an das Innenministerium, Anforderung von Spezialeinheiten…


Halt…Stopp.


Das interessiert Sie nicht. Sie möchten wissen, wie man hier und dort mit so etwas vor Ort umgeht.


Lassen wir den Aufbau der Abschnitte und Stäben einmal beiseite. Ein Rollkommando des Landeskriminalamtes wird notfalls per Hubschrauber eingeflogen oder zumindest als Blaulichtkolonne zum Einsatzort verlastet. Zwischenzeitlich hat die Bundespolizei das nähere Umfeld geräumt, mehr oder weniger entrüsteten Bahnkunden des Platzes verwiesen, eine Absperrung vorgenommen und benachbarte Kräfte herangeführt.

Dann der Auftritt der Spezialisten, der Entschärfer. Das ist kein Bombenräumkommando für Fliegerbomben. Nein, diese Jungs haben es noch etwas schwerer. Denn USBV steht als Abkürzung für „Unbekannte Spreng- und Brandvorrichtung“. Das sagt alles und leider auch nichts. Und das ist das Problem.

Während nämlich die älteste und vergammelste englische Fliegerbombe eindeutig identifiziert werden kann und dann exakt nach Gebrauchsanweisung – die in Datenbänken vorgehalten wird – delaboriert werden kann, ist das bei diesen Höllenmaschinen nicht der Fall. Das dicke Stahlrohr mit Schraubendverschluss und Elektrokabeln kann ein plumpes Dummy eines Spinners sein. Es kann eine hochkompliziertes Selbstlaborat eines Könners sein, was die Sache leider nicht ungefährlicher macht. Oder – das Spektrum der Theorien kann weitergesponnen werden – der Zündmechanismus ist von außen steuerbar oder sogar vorsätzlich gesteuert.

Dem sind diese Entschärfer vollkommen ausgesetzt und weshalb auch Dauer und Methode der Entschärfung selbst in der Außenwahrnehmung oft auf Unverständnis stößt, wenn etwa ein ganzer Bahnhof für eine geraume Zeit stillgelegt ist und zum Schluss doch nur die oben zitierte Fotoausrüstung im Rucksack zu Tage kommt.

Also geht man – immer im Doppelpack – soweit wie möglich aus der Ferne vor. Sogenannte Wegwerf- oder Einmalhunde werden als Sprengstoffspürhunde nicht mehr eingesetzt. Ein Raupenfahrzeug mit Videoausstattung und steuerbaren Greifarmen und sonstigen nützlichen Instrumenten nähert sich dem Objekt.


Es wird vorsichtig gebohrt, gesägt oder gefräst um einem Videoobjektiv Einlass zu verschaffen. Aber nur dann, wenn eine erste Analyse aus der Ferne weitestgehend ausschließt, dass diese Emissionen nicht schon eine Umsetzung – so nennt man eine Explosion in Fachkreisen – auslöst.


Dann nämlich würde aus der Ferne mit einem herangeführten Sprengsatz das Objekt vernichtet, was aber weitere Vorbereitungen bedarf, einschließlich einer noch weiteren äußeren Absperrung.


Sonst versucht man mit der Schlüssellochtechnik Licht in das Dunkel des Objektes zu bringen, wiederum in der Hoffnung, dass nicht ein fotoelektrischer Zündmechanismus gerade vom Täter bewusst gewollt ist.


Um es kurz zu machen: Ist es lediglich ein derelinquierter Koffer oder eine vergessene Fotoausrüstung, war alles gut. Und nur der Einsatzleiter hat die leidvolle Aufgabe, den empörten Fahrgästen und der stets kritikfreudigen Presse zu erklären, warum wegen eines vergessenen Rucksacks der Bahnverkehr nebst Anschlussverkehr zur Zeit des Berufsverkehrs stundenlang lahmgelegt wurde.


[1] Die später gebildete Bundespolizei in die Aufgaben der Bahnpolizei der Länder einzuweisen, ist bis heute verfassungsrechtlich bedenklich.

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